HOME
Ich bin oft gefragt worden, wo ich herkomme.
Immer wieder, in verschiedenen Städten, von verschiedenen Menschen, mit verschiedenen Intentionen. Ich habe gelernt, dass die Frage meistens nicht nach einem Ort sucht. Sie sucht nach einer Einordnung. Nach einem Rahmen. Nach einer Antwort, die das Gespräch beendet und die Schublade schließt.
Ich habe nie eine einfache Antwort darauf gehabt.
Ich bin zwischen Städten aufgewachsen, zwischen Welten, zwischen Versionen von mir selbst die je nach Kontext funktionierten. In meiner Brust schlägt ein Herz in verschiedenen Rhythmen. Manchmal im Takt, manchmal gegeneinander. Das ist kein Problem, das gelöst werden muss. Es ist einfach, wie es ist. Wie es für viele ist, die ich kenne, die ich liebe, über die dieses Magazin erzählen wird.
Zuhause ist für mich nie ein alleingültiger Ort gewesen. Es war eine Küche, die nach diesem einen Gericht roch. Ein Gefühl, das manchmal in einem fremden Zimmer auftaucht, aber in der eigenen Wohnung fehlt. Zuhause ist Lärm, eine Geste, ein Windzug. Es ist der Körper, wenn er sich sicher fühlt.
Während ich diese erste Ausgabe vorbereitet habe, liefen im Hintergrund Bilder, die ich nicht losgeworden bin. Menschen, die ihr Zuhause nicht verlassen haben, weil sie wollten. Die, wenn sie konnten, eine Tasche gepackt haben und gegangen sind, weil bleiben keine Option mehr war. Die gerade jetzt irgendwo stehen und nicht wissen, ob der Ort den sie Zuhause nannten noch existiert. Ob sie zurück können. Ob es etwas gibt, zu dem sie zurückkehren.
Neben diesem Wissen fühlt sich meine eigene Unbehaustheit klein an.
Und trotzdem hängt beides zusammen. Das Private und das Politische. Die Frage wo ich herkomme und die Frage, wer gezwungen wird seine Herkunft zu verlassen, wer sie sich aussuchen darf und wer hineingeboren wird. Wessen Kiez sich verändert bis er nicht mehr seiner ist. Wessen Körper im öffentlichen Raum nie wirklich willkommen war. Wessen Kultur reist, ohne dass ihr Name mitgetragen wird.
HOME ist kein persönliches Gefühl und kein geopolitisches Thema. Es ist beides gleichzeitig, immer, untrennbar.
Darum beginnt FIFTY hier. Mit dem Thema, das am persönlichsten ist und gleichzeitig am politischsten. Mit dem Wort, das jeder kennt und das trotzdem nicht für alle dasselbe bedeutet. Mit der Überzeugung, dass Zuhause mehr ist als eine Adresse. Es ist ein Körper, eine Sprache, eine Erinnerung, ein Sound, ein Mensch, ein Moment der bleibt.
Diese Ausgabe fragt nicht wo du wohnst. Sie fragt, wo du du bist.
Jasmin
Herausgeberin, FIFTY