In beiden Ganz

von Necdet Ali Diken (Neco)

Oft werde ich gefragt, ob ich mich mehr deutsch oder türkisch fühle. Als müsste ich mich entscheiden. Als gäbe es in mir zwei klar voneinander getrennte Räume, zwischen denen ich täglich hin und her wechsle. Seit ich denken kann, wird mir das Gefühl gegeben, ich müsste mich entscheiden.

Bin ich deutsch oder türkisch?
Wo komme ich wirklich her?
Wo fühle ich mich mehr zu Hause?

Für mich funktioniert Identität aber nicht so.

Ich bin nicht halb deutsch und halb türkisch. Ich bin auch nicht zwischen zwei Kulturen gefangen. Ich bin in beiden ganz.

Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. In Neukölln, zwischen Spätis, Hinterhöfen, überfüllten Bussen und Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen hier gelandet sind. Diese Stadt hat mich geprägt. Die Direktheit, die Widersprüche, die Freiheit und auch die Härte dieser Stadt gehören zu mir. Gleichzeitig gehören die Geschichten meiner Familie zu mir, die türkische Sprache, bestimmte Gerüche, Gerichte, Gesten und Formen von Nähe. Das eine nimmt dem anderen nichts weg.

Trotzdem wird Menschen wie mir häufig vermittelt, dass unsere Zugehörigkeit immer unter Vorbehalt steht. Solange wir uns erklären müssen, gelten wir nicht als selbstverständlich zugehörig. Unsere Namen, unsere Familiengeschichten oder unser Aussehen werden zu Hinweisen darauf, dass wir vermeintlich woanders herkommen. Dabei bin ich nicht weniger Berliner, nur weil ein Teil meiner Geschichte nicht in Deutschland beginnt.

Ich habe früh gelernt, dass Zugehörigkeit unterschiedlich bewertet wird. Manche Menschen dürfen einfach sein. Andere sollen ständig beweisen, dass sie dazugehören. Sie sollen sich integrieren, anpassen und dankbar sein. Gleichzeitig sollen sie ihre Herkunft sichtbar machen, aber bitte nur auf eine Weise, die für andere angenehm und konsumierbar ist. Essen, Musik und Urlaubsbilder sind willkommen. Rassismuserfahrungen, gesellschaftliche Konflikte und Kritik dagegen nicht.

Meine Identität ist kein harmonisches Werbeplakat für Vielfalt. Sie enthält Widersprüche. Es gibt Werte und Traditionen, die mir wichtig sind. Es gibt aber auch Dinge, die ich kritisiere. Das gilt für die türkische genauso wie für die deutsche Gesellschaft. Ganz zu einer Kultur zu gehören bedeutet für mich nicht, alles an ihr verteidigen zu müssen. Im Gegenteil, Zugehörigkeit gibt mir das Recht, Fragen zu stellen, Widersprüche auszuhalten und Veränderungen einzufordern.

Diese Erfahrung prägt auch meine Arbeit als Sozialarbeiter. Ich begegne Kindern, Jugendlichen und Familien, deren Lebensrealitäten sich nicht in einfache Kategorien einordnen lassen. Viele von ihnen lernen früh, dass andere Menschen sie auf Sprache, Herkunft, Religion oder einen Aufenthaltsstatus reduzieren. Umso wichtiger ist es, Räume zu schaffen, in denen sie nicht nur geduldet werden. Räume, in denen sie sich nicht entscheiden müssen, welcher Teil von ihnen gerade akzeptabel ist.

Kinder sollten nicht lernen, dass Zugehörigkeit eine Belohnung für Anpassung ist. Sie sollten erfahren, dass sie mit ihrer gesamten Geschichte Teil der Gesellschaft sind. Auch dann, wenn ihr Deutsch noch nicht perfekt ist. Auch dann, wenn ihre Eltern andere Erfahrungen gemacht haben. Auch dann, wenn sie mehrere Sprachen sprechen, unterschiedliche Traditionen leben oder auf die Frage nach ihrer Herkunft keine einfache Antwort geben können.

Ich möchte deshalb nicht als Brücke zwischen zwei Kulturen bezeichnet werden. Eine Brücke verbindet zwei voneinander getrennte Seiten. In meinem Leben sind diese Seiten aber längst miteinander verwoben. Sie zeigen sich in meiner Sprache, meinem Humor, meiner politischen Haltung, meinen Beziehungen und meiner Arbeit.

Ich trage keine zwei Hälften in mir, die gemeinsam ein Ganzes ergeben müssen. Ich bin bereits ganz.

Deutsch und türkisch. Berliner und Kind einer Migrationsgeschichte. Sozialarbeiter und politischer Mensch. Kritisch, verbunden und manchmal widersprüchlich.

Ich bin nicht zwischen zwei Kulturen.

Ich stehe mit beiden Beinen in einer Gesellschaft, die endlich lernen muss, dass Mehrfachzugehörigkeit kein Widerspruch ist.

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